Am vergangenen Samstag haben wir uns mit dem "Sandokai" beschäftigt, einem Text, der zu den frühesten Schriften des Soto-Zen gehört und der häufig Bestandteil der Rezitation ist. Der Autor des Sandokai, Sekito Kisen (chin.: Shitou Xiqian) lebte von 700 bis 790 n. Chr., also zu Beginn des chinesischen Zen. Er war ein Schüler von Seigen Gyoshi (chin.: Qingyuan Xingshi), der einer der beiden Schüler des sechsten Ahnen (Huineng) war.
Über Huineng, auch Daikan Eno genannt (638 – 713 n. Chr.), haben wir im Rahmen des Aufenthaltes von Kazuaki Tanahashi im Juni ausführlich gesprochen. Huineng hatte zwei Schüler, Seigen Gyoshi, der die südliche, und Nangaku Ejo, welcher die nördliche Schule gründete. Die nördliche Linie starb später aus und war insbesondere zu Beginn geprägt durch einen sehr strikten Stil. Die Seite von Seigen, später dann Sekito, war etwas sanfter. In Japan wurde sie bekannt als "der Weg des älteres Bruders".
Sandokai, gerade weil es zu den ersten Schriften des Soto-Zen gehört, um 750 geschrieben, gibt auch eine Tonvorgabe für alles Spätere.
Der Titel weist schon den Weg: das Vermengen von Gleichem und Unterschiedlichem. Damit ist zum Beispiel folgendes gemeint: das ganz einfache Alltagsleben, unser alltägliches Leben, was unsere materielle Welt mit einschließt, wie auch unsere Welt der Empfindungen, Gefühle, Leidenschaften, unsere Schwierigkeiten, Freuden und unser Leid - diese Welt und die Welt der Einheit, der tiefsten religiösen Erfahrungen und Wirklichkeiten, sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie sind miteinander verwoben. Sie bedingen sich gegenseitig.
Wir haben am Samstag über "den Geist von Indiens größtem Weisen gesprochen". Damit ist nicht unbedingt Bodhidharma gemeint oder Shakyamuni Buddha. Das Sandokai beginnt nicht ohne Grund mit der Quelle, mit Buddha-Geist.
"Wenn das Dharma Deinen gesamten Körper und Geist noch nicht ganz erfüllt, magst Du glauben, es sei schon genug. Wenn das Dharma Deinen Körper und Geist ganz erfüllt, verstehst Du, dass etwas fehlt". Genjokoan Bevor jemand zu dieser Quelle erwacht, weiß er nicht, was Buddha-Geist ist, hat er keine wirkliche Ahnung. So jemand verliert häufig das Gespür dafür, wo er sich jeweils befindet, was er tut und welche Folgen dies hat oder haben wird. Es wird daher schwer werden, auf Dauer regelmäßig zu üben und die Verantwortung für unser Tun übernehmen zu können. Wie eine Frucht nur vom Kern aus reifen kann und nicht umgekehrt, tappen wir ohne Berührung mit dieser Quelle im Dunkeln, denken wir, "es sei genug". Deswegen üben wir Zazen, wieder und wieder, denn nur von hier aus kann diese Erfahrung keimen. Noch nicht einmal ein Buddha kann jenen Buddha-Geist mir oder Dir zeigen. Das müssen wir selbst herausfinden. Ganz alleine. Und doch geht es nicht anders als im Verbund. Auch das ist: Sandokai.
Warum: auch das ist eine Erfahrung. Wer sie verinnerlicht, wird mit anderen Augen sehen, wird sein jeweiliges Gegenüber auf völlig neue Art und Weise wahrnehmen. Es ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die nur durch Ent-denken und in großer Verlangsamung gemacht werden kann.
Die Quelle, die hier gemeint ist, schenkt uns Werte, die bleiben, die wahr sind, überall anwendbar, durch Zeit und Raum sich nicht verändert haben. In 2500 Jahren. Diese Werte sind absolut, sie sind frei. Sie sind: befreit. Befreit von einer stets auf Unterscheidung bedachten Außenschau, die die Grundlage für unser Leiden darstellt.
Im Buddhismus, entgegen unserem erworbenen Denken, das Verschiedenheit und Gleichheit einander gegenüberstellt, sind die vielen und das eine dasselbe, haben gleiche Wert. Sie sind eins und gleichzeitig verschieden.
Im Herbst wechselndes Farbenspiel bedeckt die fernen Berge eines Morgens Schnee. Dogen Zenji Das alles aber bleibt Konzept, es bleibt angelesen, schöne Worte, eine nette Idee - wenn wir es nicht Stück für Stück für uns selbst erobern. Verstehen. Verinnerlichen. Überprüfen. Bezweifeln. Vertrauen. Kurz: leben, und zwar mit dem Geist des Trainings, mit dem Herz der spirituellen Sehnsucht.
Wenn wir diesen Buddha-Geist verstehen, können wir nicht umhin, jene Qualitäten zu fördern, die zu den Grundlagen unserer Übung gehören: Dankbarkeit. Dankbarkeit und Respekt. Durch die beiden können wir den wahren Wert der Dinge sehen, erkennen und niemals wieder vergessen. Deswegen machen wir Gassho, deswegen verbeugen uns. Daher ehren wir unsere Rakusu, deswegen bekennen wir uns zu und folgen den Precepts.
Die Stimme des Tales ist seine weite und lange Zunge.
Die Form der Berge nichts anderes als sein reiner Körper.
84 000 Verse klingen in der Nacht.
Wie kann ich dies am Morgen den Menschen sagen? Shisen Heute entstehen die meisten, oft hochkomplex aussehenden und schier unüberwindbar erscheinenden Probleme dadurch, dass wir den wahren Wert der Dinge nicht sehen, nicht kennen, nicht danach handeln.
Wir gehen mit uns selbst, unseren Mitmenschen, den Dingen in unserer Umgebung, der Welt um uns herum nicht um, als ob wir sie als lebendigen Ausdruck der Buddha-Natur betrachten würden. Wir behandeln sie nicht als heilig, als unseren Augapfel. Wenn wir das tun würden, würden wir ein Leben voller Freude Dankbarkeit, Gemeinsinn und Respekt leben.
Das ist der Geist des großen Weisen, das ist seine geheime, innige Botschaft.
Unsere Übung bereitet den Weg dahin.
Aber nur jemand, der willens ist, willens und zutiefst entschlossen, zu sehen, der Dankbarkeit in sich Raum geben kann, für das, was ist, was bereits vorhanden ist, was gegeben wurde, was gerade entstanden ist - kann den Weg dahin finden. Es ist ein Weg mit leeren Händen, mit immer weniger Gepäck, mit großem Respekt gegenüber dem, was kommt und der aufrechten Entschlossenheit zu sehen, "ohne Augen, Nase, Ohren, Zunge", dass alles, alles, aus diesem Dharma-Grund strömt und wieder dahin zurückkehrt - einschließlich unserer selbst - ob wir dessen gewahr sind, werden, oder nicht.
Auch darin besteht letztendlich kein Unterschied.
Gassho, F.


