8. Dezember 2009

Rohatsu Sesshin 2009

Der Rohatsu Sesshin 2009 war still, klein, ernsthaft und mit allen Elementen ausgestattet, die zu dieser alten, ehrwürdigen Art der fortwährenden Übung gehören.
Sesshin - den Geist, den Körper sammeln.
Ihn einspitzig werden lassen, ihn fokussieren, ihn uns ganz verfügbar machen, ihn ausbreiten bis in die kleinste dunkle Ecke, ihn vollkommen ans Licht rücken.
Dieses verlängerte Wochenende haben wir gemeinsam geübt.
Ein Körper. Ein Geist.
Sitzen, gehen, stehen, putzen, essen, arbeiten, ruhen - schweigen.
Wir verlangsamen. Es liegt großes Glück in dieser Entschleunigung.
Wir halten inne, wir betrachten. Wir wenden all unsere Aufmerksamkeit nach innen.
Da der Sesshin eine so einfache und klare Form hat, da so vieles vorgegeben ist und uns die meisten der herkömmlichen Verantwortungen abgenommen werden, bekommen wir die Gelegenheit, unser Leben klarer zu sehen, es zu erden, es neu auszurichten.
Wir können uns in den Fluss entspannen. Wir können die Zeit verschwinden lassen und nur den Signalen folgen. Lauschen. Spüren, wie einfach das Leben sein kann. Wie tief zufrieden wir sein können. Wieviel Wind wir erzeugen und wie überflüssig das meiste davon ist.
Merken, wer wir sind, was uns ausmacht. Spüren, wie wir sein und wie wir leben möchten.
Im Sesshin testen, üben und lernen wir, wie wir unser gesamtes Leben im verbringen können: in einer Grundhaltung der Meditation.

Ein Sesshin, gerade, wenn er sich nicht nur auf die verbrachten Stunden im Zendo bezieht, kann unser Menschsein auf die schönste mögliche Art und Weise ans Licht bringen.

Auch deswegen ist die fortwährende gemeinsame Übung, ist ihr Bewusstwerden in einer absolut sicheren Umgebung, so wichtig.

Vielen Dank für Eure Unterstützung,

Gassho, Friederike

19. November 2009

Harmonie von Verschiedenheit und Gleichheit

Am vergangenen Samstag haben wir uns mit dem "Sandokai" beschäftigt, einem Text, der zu den frühesten Schriften des Soto-Zen gehört und der häufig Bestandteil der Rezitation ist. Der Autor des Sandokai, Sekito Kisen (chin.: Shitou Xiqian) lebte von 700 bis 790 n. Chr., also zu Beginn des chinesischen Zen. Er war ein Schüler von Seigen Gyoshi (chin.: Qingyuan Xingshi), der einer der beiden Schüler des sechsten Ahnen (Huineng) war.
Über Huineng, auch Daikan Eno genannt (638 – 713 n. Chr.), haben wir im Rahmen des Aufenthaltes von Kazuaki Tanahashi im Juni ausführlich gesprochen. Huineng hatte zwei Schüler, Seigen Gyoshi, der die südliche, und Nangaku Ejo, welcher die nördliche Schule gründete. Die nördliche Linie starb später aus und war insbesondere zu Beginn geprägt durch einen sehr strikten Stil. Die Seite von Seigen, später dann Sekito, war etwas sanfter. In Japan wurde sie bekannt als "der Weg des älteres Bruders".
Sandokai, gerade weil es zu den ersten Schriften des Soto-Zen gehört, um 750 geschrieben, gibt auch eine Tonvorgabe für alles Spätere.
Der Titel weist schon den Weg: das Vermengen von Gleichem und Unterschiedlichem. Damit ist zum Beispiel folgendes gemeint: das ganz einfache Alltagsleben, unser alltägliches Leben, was unsere materielle Welt mit einschließt, wie auch unsere Welt der Empfindungen, Gefühle, Leidenschaften, unsere Schwierigkeiten, Freuden und unser Leid - diese Welt und die Welt der Einheit, der tiefsten religiösen Erfahrungen und Wirklichkeiten, sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie sind miteinander verwoben. Sie bedingen sich gegenseitig.
Wir haben am Samstag über "den Geist von Indiens größtem Weisen gesprochen". Damit ist nicht unbedingt Bodhidharma gemeint oder Shakyamuni Buddha. Das Sandokai beginnt nicht ohne Grund mit der Quelle, mit Buddha-Geist.

"Wenn das Dharma Deinen gesamten Körper und Geist noch nicht ganz erfüllt, magst Du glauben, es sei schon genug. Wenn das Dharma Deinen Körper und Geist ganz erfüllt, verstehst Du, dass etwas fehlt".
Genjokoan

Bevor jemand zu dieser Quelle erwacht, weiß er nicht, was Buddha-Geist ist, hat er keine wirkliche Ahnung. So jemand verliert häufig das Gespür dafür, wo er sich jeweils befindet, was er tut und welche Folgen dies hat oder haben wird. Es wird daher schwer werden, auf Dauer regelmäßig zu üben und die Verantwortung für unser Tun übernehmen zu können. Wie eine Frucht nur vom Kern aus reifen kann und nicht umgekehrt, tappen wir ohne Berührung mit dieser Quelle im Dunkeln, denken wir, "es sei genug". Deswegen üben wir Zazen, wieder und wieder, denn nur von hier aus kann diese Erfahrung keimen. Noch nicht einmal ein Buddha kann jenen Buddha-Geist mir oder Dir zeigen. Das müssen wir selbst herausfinden. Ganz alleine. Und doch geht es nicht anders als im Verbund. Auch das ist: Sandokai.
Warum: auch das ist eine Erfahrung. Wer sie verinnerlicht, wird mit anderen Augen sehen, wird sein jeweiliges Gegenüber auf völlig neue Art und Weise wahrnehmen. Es ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die nur durch Ent-denken und in großer Verlangsamung gemacht werden kann.
Die Quelle, die hier gemeint ist, schenkt uns Werte, die bleiben, die wahr sind, überall anwendbar, durch Zeit und Raum sich nicht verändert haben. In 2500 Jahren. Diese Werte sind absolut, sie sind frei. Sie sind: befreit. Befreit von einer stets auf Unterscheidung bedachten Außenschau, die die Grundlage für unser Leiden darstellt.
Im Buddhismus, entgegen unserem erworbenen Denken, das Verschiedenheit und Gleichheit einander gegenüberstellt, sind die vielen und das eine dasselbe, haben gleiche Wert. Sie sind eins und gleichzeitig verschieden.

Im Herbst
wechselndes Farbenspiel
bedeckt die fernen Berge
eines Morgens
Schnee.
Dogen Zenji

Das alles aber bleibt Konzept, es bleibt angelesen, schöne Worte, eine nette Idee - wenn wir es nicht Stück für Stück für uns selbst erobern. Verstehen. Verinnerlichen. Überprüfen. Bezweifeln. Vertrauen. Kurz: leben, und zwar mit dem Geist des Trainings, mit dem Herz der spirituellen Sehnsucht.
Wenn wir diesen Buddha-Geist verstehen, können wir nicht umhin, jene Qualitäten zu fördern, die zu den Grundlagen unserer Übung gehören: Dankbarkeit. Dankbarkeit und Respekt. Durch die beiden können wir den wahren Wert der Dinge sehen, erkennen und niemals wieder vergessen. Deswegen machen wir Gassho, deswegen verbeugen uns. Daher ehren wir unsere Rakusu, deswegen bekennen wir uns zu und folgen den Precepts.

Die Stimme des Tales ist seine weite und lange Zunge.
Die Form der Berge nichts anderes als sein reiner Körper.
84 000 Verse klingen in der Nacht.
Wie kann ich dies am Morgen den Menschen sagen?

Shisen

Heute entstehen die meisten, oft hochkomplex aussehenden und schier unüberwindbar erscheinenden Probleme dadurch, dass wir den wahren Wert der Dinge nicht sehen, nicht kennen, nicht danach handeln.

Wir gehen mit uns selbst, unseren Mitmenschen, den Dingen in unserer Umgebung, der Welt um uns herum nicht um, als ob wir sie als lebendigen Ausdruck der Buddha-Natur betrachten würden. Wir behandeln sie nicht als heilig, als unseren Augapfel. Wenn wir das tun würden, würden wir ein Leben voller Freude Dankbarkeit, Gemeinsinn und Respekt leben.
Das ist der Geist des großen Weisen, das ist seine geheime, innige Botschaft.
Unsere Übung bereitet den Weg dahin.
Aber nur jemand, der willens ist, willens und zutiefst entschlossen, zu sehen, der Dankbarkeit in sich Raum geben kann, für das, was ist, was bereits vorhanden ist, was gegeben wurde, was gerade entstanden ist - kann den Weg dahin finden. Es ist ein Weg mit leeren Händen, mit immer weniger Gepäck, mit großem Respekt gegenüber dem, was kommt und der aufrechten Entschlossenheit zu sehen, "ohne Augen, Nase, Ohren, Zunge", dass alles, alles, aus diesem Dharma-Grund strömt und wieder dahin zurückkehrt - einschließlich unserer selbst - ob wir dessen gewahr sind, werden, oder nicht.
Auch darin besteht letztendlich kein Unterschied.
Gassho, F.






13. November 2009

östliche Grüße

Am kommenden Sangha-Tag beschäftigen wir uns mit dem "Sandokai", einem der ersten und nach wie vor einem der wichtigsten Texte im Soto-Zen.
Es gibt viele Wege der Übertragung von Westen nach Osten, aus unserer Sicht eher von Osten nach Westen - über eine davon möchten wir heute berichten: Wie einige von Euch wissen, bemühen wir uns um guten Austausch mit dem Abt Niho Roshi und Miyake Masahiro, einem langjährigen Sangha-Mitglied. Durch ihn entsteht auch eine Verbindung zur Gemeinde des Entsuji Tempels, jenes Ortes, an dem Ryokan lange gelebt hat.
Unten ein Bericht von Miyake-san über das Kannon Fest, das kürzlich dort statt fand.

Am vergangenen Sonntag, dem 8. November, fand das Kannon Festival in Entsuji statt. Zunächst rezitierten vierzig Mönche aus dreiunddreißig Tempeln des Umlandes von Chugoku das "Enmei Jukku Kannon Gyo" in der Haupthalle. Nach dem Singen wurde die sogenannte "Goma Zeremonie" an einem Tempelvorplatz abgehalten. Die Zeremonie fand unter Leitung von Niho Roshi und einiger Wandermönche statt.
Zu Beginn haben sie Muschelhörner geblasen und Pfeile in alle vier Himmelsrichtungen geschickt. Am Ende wurde ein großer Berg an Zypressenblättern verbrannt, in denen alle "Gomagi" - eine kleine Holzplatte- hineinwerfen konnten. Ich habe Wünsche auf vier solcher Gomagis geschrieben, einer davon war für Euch beide und Eure Sangha, für gute Übung und gute Gesundheit- für immer!


Vor einigen Wochen erst fand Mitte Oktober das "Herbstfest" statt. Es dankt für gute Ernte und die Menschen dekorieren ihre Umzugswagen mit Reis, Früchten und Gemüse. Dann fahren sie singend durch die Strassen, meist sind es alte Volkslieder. Es dauert zwei Tage, während der auch viele buddhistische Zeremonien abgehalten werden. Es dauert auch zwei Nächte, in denen man Sake trinkt und gemeinsam Lieder singt. Vor kurzem habe ich wieder Reis geerntet. Leider kommt Ihr dieses Jahr nicht vorbei, um etwas davon für Rohatsu abzuholen. Das ist wirklich sehr schade. Wir denken an Euch und - auf Wiedersehen!




6. November 2009

Kazuaki Tanahashi, Sesamreiskuchen und Wind-und-Wolken

"Hello!" Zunächst sehe ich nicht viel mehr als einen wippenden Hut hinter Nylon-Dolomiten. Erst langsam rückt das vertraute Gesicht unter den hohen Taschen in den Vordergrund. "Zazen tomorrow morning? Dogen lecture?" kommt es von hinten, während ich angestrengt versuche, das wiederum reichliche Gepäck in einen transportablen Zustand zu versetzen.
Wie immer, scheint ihn das alles überhaupt nicht zu stören. Er muss geflogen sein! Während ich beim Verknoten der Teile noch darüber nachsinne, ob dieser zarte Mann wirklich soeben aus dem Oberdeck des engen Zuges hinabgestiegen und einen Gleiswechsel in Hamburg hinter sich gebracht hat, ob die Kräfte seines Aikido-Meisters mitgewirkt haben oder vielleicht doch die Kraft des Pinsels, tönt es von oben: "Wann sprechen wir über Deine Fragen zu Bendowa? Ich habe nachgedacht und ... als nächstes ... könntest Du...".
Um mich herum hasten die Menschen zu Zügen, kaufen Burger, blättern in Zeitungen und schauen auf den Werbefilm mit Comics und Kurznachrichten. Draußen regnet es und in der Stadt gehen langsam die Lichter an. Alles scheint wie immer, aber für mich hat soeben eine andere Zeitrechnung begonnen. Immer so und immer wieder unvorhersehbar und zutiefst überraschend, wie das Abheben eines Flugzeuges vom Boden. Acht lange Tage im Dharma, mit glasklaren Prioritäten und, bei aller Sanftheit und Freundlichkeit, nahezu umwerfender Kompromisslosigkeit im Bezug auf unsere Funktion und Mission in diesem Leben: Kazuaki Tanahashi während seines "Herbstbesuches" bei uns.
Es war wie immer eine gut gefüllte Woche mit einem langem Kalligraphie-Wochenende in Sankelmark, zwei Sangha-Abenden ("Bendowa" und Dharma-Rede 108 aus dem "Eihei Koroku"), einem sehr schönem Sangha-Treffen, Übersetzungen von Ryokan und Dogen Zenji sowie vielen guten Gesprächen und einigen köstlichen Erzählungen über die Anfänge des San Francisco Zen Centers und Shunryu Suzuki Roshi.
Ihm tut das Leben auf dem Lande mit dem einem Klosterrhythmus ähnelnden Tagesablauf immer sichtlich gut. Ungewöhnlich für Sensei, hat er sich dieses Mal ermutigend über die Art und Weise, wie wir üben, geäußert. Vielen Dank an alle, die uns bei seinem Besuch unterstützt haben.
Gassho, Friederike


27. Oktober 2009

Freitag in neuem Gewand

Wir beginnen das neue Jahr in Schleswig in einem neuen, alten, wunderschönen Raum: dem Großen Saal. Von jetzt an werden wir uns dort freitags treffen, von 19 bis 22 Uhr.
Zazen ist, wie bisher, von 20 bis 21:30 Uhr. Die Stunde davor möchten wir zum Austausch über Themen der Übung nutzen und zur Verbesserung dessen, was von einigen nicht ganz zu unrecht als ein gewisser Mangel an sozialen Kontakten bezeichnet wurde. Es ist ein Versuch, im Rahmen unserer Möglichkeiten in der Volkshochschule. Wie bereits besprochen, wird die Teilnahme fortan pro Abend 5 Euro betragen.
Wer erst später dazu kommen möchte, möge bitte um 19:50 da sein. Wir beginnen dann gleich mit dem Sitzen zur Wand.
Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bei der Volkshochschule, insbesondere bei Frau Christiansen, für ihre Unterstützung und für jahrelanges kostenfreies Sitzen bedanken. Die Termine im Johanniskloster bleiben bestehen, was bedeutet, dass wir uns wahrscheinlich drei Mal im Monat im Großen Saal treffen werden.
Gassho,
F. & H.